Texte, Lyrik, Dramolette

Thomas M. Fiedler

 

Lilli muss Spaß haben

Dramolett in drei Teilen
aufgezeichnet von
Thomas M. Fiedler

 

Kleiner Ort, reisebüro-organisierter Familienurlaub im Landgasthof. Hügel, Wölkchen, Idylle. Mütter mit Kindern. Mutter 1 (klein, aufmerksam wir ein schlafendes Baby) Mutter 2 (mittelgroß, aufmerksam wir ein schlafendes Baby), Mutter 3 (groß, aufmerksam wir ein schlafendes Baby), Betreuerin Heidi (städtisch, auf ländlich getrimmt), Betreuer Thomas (ländlich, auf städtisch getrimmt). In einem ganz kurzen Gastauftritt: die Reisebüro-Geschäftsführerin.

 

 

Vorspiel oder „Ich habe euch etwas mitgebracht.“

 

 

Gastraum, Abendessen, Buffet. Alle wollen Essen holen. Die Tür öffnet sich überraschend.

 

Reisebüro-Geschäftsführerin (tritt ein, schaut sich um, lächelt familiär): Liebe Familien, ich bin die Geschäftsführerin, ich bin heute extra hergefahren, damit ich von euch ein Feedback bekommen kann, wie es euch gefällt. Ich hab euch auch etwas mitgebracht: Sandkistenschauferln.

 

Alle schauen, keiner versteht.

 

Betreuer Thomas und Betreuerin Heidi (das Schweigen der überraschten Familien durchbrechend, im Chor, Sinn erfassen wollend): Es - gibt - hier - keine - Sandkiste.

 

Reisebüro-Geschäftsführerin (schaut sich um, lächelt familiär): Das macht ja gar nichts, deshalb habe ich euch Hula-Hopp-Reifen mitgebracht.

 

Alle schauen, keiner versteht.

 

Reisebüro-Geschäftsführerin (lächelt familiär): Ja, dann fahre ich jetzt wieder, danke für die super interessanten Gespräche, das war mir wirklich wichtig, da hat sich die Reise gelohnt. (Tritt ab.)

 

Alle schauen, keiner versteht.

 

Erster Teil oder "Wo sind die Kinderteller?"

 

 

Gastraum, Abendessen, Buffet. Die Wirtin hat in einer langen Prozedur im Holzofen ganz frisch ein Schweinskarree mit knuspriger Schwarte gebraten - und freut sich darüber.

 

Mutter 1 (die kleine, sieht den Schweinsbraten, schüttelt den Kopf, verdreht die Augen): Schon wieder, darauf kann man sich nicht freuen, das sind die alten Reste von den Tellern der Gäste. Das kann ja niemand essen.

 

Betreuer Thomas (mit dem hilflosen Versuch, ein unumstößlich gefasstes Vorurteil aufzulösen): Äh, der ist ganz frisch, den hat die Wirtin in einer langen Prozedur im Holzofen mit knuspriger Schwarte gebraten - und freut sich darüber.

 

Mutter 1 (für die Aufklärung scheinbar dankend, sich aber dann doch eines anderen, nämlich ihrer Wiener Herkunft und der damit verbundenen wortgewandten Verteidigung von Vorurteilen, besinnend, interreligiös): Für Muslime stinkt der auch noch, die essen kein  Schwein, ist nicht „halal“. (Sich von der Verteidigung zurückziehend:) Es gibt hier keine Muslime … und ich bin Christin… (Sich wieder der Verteidigung widmend, bestimmt:)
… aber das ist trotzdem eine Zumutung, für die wäre das stinkend.
(Verlässt den Speisesaal.)

 

Am Buffet gibt es auch Blattsalate, dekoriert mit frischen, entkernten Kirschen.

 

Mutter 2 (die mittelgroße, richtet sich einen Teller Salat mit Kirschen, beginnt zu essen, schiebt alle Kirschen auf die Seite des Tellers. Sich auf die durch das Entkernen entstandenen Löcher in den Kirschen beziehend, entschuldigend): Des kannst ja nicht essen, alles hinich (verdorben).

 

Betreuer Thomas (mit dem hilflosen Versuch, ein unumstößlich gefasstes Vorurteil aufzulösen): Äh, die Kirschen sind ganz frisch, die sind nicht „hinich“, sondern entkernt, damit sich die Kinder nicht versehentlich die Zähne ausbeißen.

 

Mutter 2 (für die Aufklärung gar nicht dankend, sich ihrer Wiener Herkunft und der damit verbundenen wortgewandten Verteidigung von Vorurteilen widmend, die Stimme bedrohlich hebend, provokativ fragend): Ah so, na wieso sind die entkernt? Des tät ma eh merken, wenn Kerne drin waraten (das würde man merken, wenn Kerne drinnen wären). So a Blödsinn!

(Schiebt die Kirschen weiter an den Tellerrand.)

 

Mutter 3 (die große, irritiert das Selbstbedienungs-Buffet betrachtend, den Blick zwischen ihren Kindern und dem Buffet Hilfe suchend wechselnd): Gibt es eigentlich auch „Kinderportionen“?

 

Betreuerin Heidi (schaut, hört – sagt nichts, sagt dann doch): Ich sag‘ nichts.

 

 

Zweiter Teil oder "Wo treffen wir uns?"

 

 

Speisesaal, kurz nach dem Essen.

 

Betreuer Thomas zu allen (auf Klarheit und Verständlichkeit Wert legend): Wir treffen uns heute um 15 Uhr vor dem Haus zum Ausflug in den Märchenpark. Das steht hier auch noch ganz groß auf dem schwarzen Brett. Sehen das alle? (Alle nicken bestätigend.)

 

Mutter 2 (die mittelgroße, sich für die Unterbrechung entschuldigend):  Entschuldigung, wann treffen wir uns heute?

 

Mutter 1 (die kleine, unentschuldigend unterbrechend): Treffen wir uns heute noch?

 

Mutter 3 (die große, entschuldigend für die ungeduldige Unterbrechung): Wissen Sie schon, wo wir uns heute treffen?

 

Etwas später…

 

Betreuerin Heidi (vor dem Haus, die Stationen des Märchenparks erklärt habend, abschließend): Na, dann wisst ihr schon, was euch Schönes erwartet...

 

Mutter 2 (kommt erst jetzt, enttäuscht über das Versäumnis, bittend): Äh, jetzt habe ich die Erklärungen zu den Stationen nicht gehört, können Sie die vielleicht noch einmal ganz kurz für mich zusammenfassen?

 

Betreuerin Heidi (geduldig, entgegenkommend, freundlich): Das kann ich gerne machen, also im Märchenpark… (stoppt, denn...)

 

Mutter 2 (dreht sich abrupt um, ignoriert den versuchten Beginn der Zusammenfassung, geht zu den anderen Müttern, freudig): Na, dann wissen wir schon, was uns Schönes erwartet.

 

Betreuerin Heidi (geduldig, entgegenkommend, freundlich): Das war jetzt aber eine sehr kurze Zusammenfassung.

 

Betreuer Thomas (schaut, hört – sagt nichts, sagt dann doch): Ich sag‘ nichts.

 

 

Dritter Teil oder "Schwere Entscheidungen"

 

 

Freizeit. Die Mütter stehen gelangweilt um einen Tisch im Hof, die Kinder spielen in der Nähe.

 

Mutter 1 (die kleine; etwas angeheitert, schwankend in Schritt und Gedanken, zu Mutter 2 und 3, sich sammelnd, setzend): Der Thomas … der Thomas ist … der Thomas ist, ja der ist … (mit einem Ruck, eruptiv:) der Thomas, der Thomas ist ja … (wieder Kraft suchend)  Buddhist, (etwas ermattet) das ist ja gut … (jetzt endlich auf den Punkt kommend, halb fragend) aber lachen tut er nicht.

 

Mutter 3 (die große, den Gedankengang prüfend, auf eine andere Erfahrung hinweisend): Was? Der Thomas lacht doch dauernd, der lacht ja sogar, wenn ich schon weinen müsste.

 

Mutter 1 (das Gesagte schon vergessen habend, verinnerlicht): Er ist ja eh lieb.

 

Mutter 2 (das Gesagte gar nicht gehört habend, zu ihrer über Fadesse klagenden, heulenden neunjährigen Tochter, hysterisch schreiend, befehlend): Das ist unser Urlaub, jetzt hör endlich auf zu heulen, freu Dich und hab Spaß, los!

 

Betreuer Thomas (tritt auf, zu Mutter 2, einladend, liebevoll): Von euch habe ich noch kein Familienfoto gemacht. Jetzt hätten wir viel Zeit…

 

Mutter 1 (ausweichend, abwehrend): Bitte nicht, jetzt haben wir … (Logik suchend, aber nicht findend) ... keine Zeit.

 

Betreuer Thomas (überrascht, sich abwendend, zeigt Mutter 3 ein sehr nettes Foto, welches er von ihrem Sohn gemacht hat, freudig): Ich habe ein sehr nettes Foto von Ihrem Sohn gemacht. Wollen Sie das haben?

 

Mutter 3 (sichtlich irritiert, erschrocken, überfordert): Äh, püh,so eine Entscheidung, äh, kann ich im Urlaub nicht treffen.

 

Betreuerin Heidi (schaut, hört – sagt nichts, sagt dann doch): Ich sag‘ nichts.

 

Betreuer Thomas (hört, schaut – sagt nichts, sagt dann doch): Ich sag‘ nichts.

 


 

Vorhang

 

 

 

 

© T.M.FIEDLER 2016

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