Texte, Lyrik, Dramolette

Thomas M. Fiedler

 

Der Bruder der Nachbarin

Dramolett in drei Teilen
aufgezeichnet von
Thomas M. Fiedler

 

Vorspiel oder "Wer bist du?"

Wohnhaus, letzter Stock. ER (über 60 Jahre) und SIE (über 60 Jahre) haben ihre Nachbarin (50 Jahre) und deren zufällig anwesenden Bruder (auch so um die 50 Jahre) auf ein Gläschen Wein eingeladen.

 

Wohnung: Wohnzimmer, sehr klein, Standard-Wandverbau mit Muschelsammlung, aber ohne Bild "Weinender Tiger mit Mädchen", Fernseher mit "Musikantenstadl", ER in Jogginghose und Unterleiberl, SIE blunzenfett (stockbesoffen).

SIE (versucht sich zu sammeln): Also, Sie sind der Bruder der Nachbarin?

Bruder der Nachbarin: Ja, genau.

SIE (freut sich): Ihre Schwester ist eine ganz liebe, ja wirklich, eine ganz liebe. (Dann hat SIE einen Gedanken:) Welches Sternzeichen sind Sie?

Bruder der Nachbarin: Wassermann.

SIE (erinnert sich): ... und Ihre Schwester ist Skorpion. (verwirft den Gedanken) ... und Sie sind also der Bruder?

Bruder der Nachbarin: Ja, genau.

SIE (greift den Gedanken wieder auf): Und welches Sternzeichen sind Sie?

Bruder der Nachbarin: Wassermann.

SIE (versucht Zusammenhänge zu finden): Und Ihre Schwester?

Bruder der Nachbarin: Skorpion.

SIE (sucht nach Halt, wiegt den Kopf, fasst sich, ringt innerlich, stößt hervor): I mog kane Skorpions. (Macht eine wegwerfende Handbewegung.)
Egal, I sog nix mehr.
(Übers.: Ich mag keine Skorpione. Egal, ich sage nichts mehr.)


Erster Teil oder "Immer wieder Griechenland."

SIE (hat den gerade wieder aufgegriffenen Gedanken völlig verloren, wechselt das Thema, stellt fest): Sie sind der Bruder der Nachbarin.

Bruder der Nachbarin (nickt, murmelt): Ja, genau.

SIE (nickt zustimmend, auf die Muschelsammlung deutend): Das sind SEINE Muscheln, aus Griechenland.

Bruder der Nachbarin: Sehr schön. Da war ich noch nie.

SIE (stolz): Wir jedes Jahr, schon 21 mal.

Bruder der Nachbarin: Und was gefällt Ihnen dort besonders.

SIE (hat sich offensichtlich selbst nicht gehört): 17 mal waren wir schon dort - überall. Wir waren auch schon woanders, aber da waren wir schon überall.

Bruder der Nachbarin (versucht variierend in Dialog zu treten): Und dort gefällt Ihnen 'was' besonders?

SIE (greift nach dem Glas, schüttet unbemerkt die Hälfte aus, trinkt): Wir sind viel herumgekommen - dort, aber auch woanders.

Bruder der Nachbarin (umformulierend, suggerierend): Dort gefällt es Ihnen also besonders?

SIE (den Bruder der Nachbarin fixierend, bitter): Jedes Jahr sind wir dort.

Bruder der Nachbarin (ratlos - nochmals, verkürzt, etwas verzweifelt): Und was gefällt Ihnen dort?

SIE (versucht das Thema zu rekonstruieren, schafft das auch, und resümiert emotional, laut): Gor nix. Mi bringt dort nix mehr hin. Wenn ER hinfoarn wü, dann soll ER allanich foarn. I ned. I sicha ned. Na!
(Übers.: Gar nichts. Mich bringt dort nichts mehr hin. Wenn ER hinfahren möchte, dann soll ER alleine fahren. Ich nicht. Ich sicher nicht. Nein!)

Bruder der Nachbarin (überrascht): Aha. Und wohin wird dann heuer die Reise gehen?

SIE (ist sich sicher): Dorthin nie wieder! Sicha ned! (Schließt das Thema ab, sich nochmals verträumt bestätigend): Das ist also der Bruder der Nachbarin.
 

Zweiter Teil oder "Vergeben ist leicht."

Die Nachbarin und ihr Bruder haben ausgetrunken und wollen gehen - können gerade noch das zwangweise Nachschenken abwehren.

Bruder der Nachbarin: Ja, dann also vielen Dank und noch alles Gute für Ihre kranke Mutter.

SIE (mit Tränen in den Augen): Das ist das Ende. Mich freut nichts mehr. Ich kann gar nicht sagen, wie schrecklich das ist.

Bruder der Nachbarin (mitfühlend): Das tut mir leid, alles Gute.

SIE (gefasst, dezidiert, streng): Aber, als wir Kinder waren, hat sie uns verlassen - und das verzeihe ich ihr nicht, niemals. Nein. Da kann sie machen, was sie will.

Bruder der Nachbarin (versucht auszugleichen): Vielleicht wäre jetzt die Zeit, Ihrer Mutter zu vergeben.

SIE (in sich schauend, zufrieden): Ich sag' Ihnen, ich vergebe leicht. Ich bin ein Mensch, der ganz leicht vergeben kann. Das ist so, das war schon so.

Bruder der Nachbarin (Paradoxa liebend): Na, eben.

SIE (weinseelig, wankt, aber ist sich sicher): Sie sind der Bruder der Nachbarin. Ich mag Sie, ich weiß nicht wieso, aber (und nun ist SIE endgültig eins mit dem Bruder der Nachbarin) ich mag DICH (busselt den Bruder der Nachbarin stürmisch ab).

Bruder der Nachbarin (nach Worten und Raum suchend): Danke, das ist doch schön.

SIE (findet Trost - widmet alles bisher Gesagte dem völligen Vergessen - und betont jedes Wort bedächtig):
D e r   B r u d e r ....
 

Vorhang

 

© T.M.FIEDLER 2010

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